Gemeinsames Gedenken mit Bundeskanzler Olaf Scholz zum Jahrestag der Flutkatastrophe

„Wir gedenken heute der Todesopfer der schlimmsten Naturkatastrophe, die Rheinland-Pfalz je erleben musste. Wir nehmen Anteil am Leid der Hinterbliebenen. Wir denken an diejenigen, die körperliche und seelische Verletzungen erlitten und ihr Hab und Gut verloren haben. Jede und jeder hat seine eigenen Erinnerungen an diese Nacht und seinen eigenen Schmerz. Das heutige Gedenken hat eine klare Botschaft: Die Menschen im Ahrtal sind nicht alleine und können auf eine große Verbundenheit aus dem ganzen Land zählen. Gemeinschaft zeigt sich besonders in schweren Zeiten und besonders dort, wo es nur zusammen weitergeht“, betonte Ministerpräsidentin Malu Dreyer gemeinsam mit Umweltministerin Katrin Eder und Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt beim zentralen Gedenken zum Jahrestag der Flutkatastrophe. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte seine Solidarität und nahm an der Veranstaltung im Kurpark von Bad Neuenahr-Ahrweiler teil.

„Es gibt Einschnitte im Leben, die kann man nicht alleine aushalten, weil der Schmerz zu groß, die Last zu erdrückend ist. In solchen Zeiten ist die Gemeinschaft das, was wieder Kraft und Hoffnung geben kann. Ich kann nur erahnen, was der Jahrestag der schlimmsten Naturkatastrophe, die unser Land je erlebt hat und die viele von Ihnen unmittelbar durchlitten haben, heute an Gefühlen auslöst. Trauer, Angst, Verzweiflung und Wut. Es wäre vermessen zu sagen, ich kann es nachfühlen. Aber ich kann verstehen, dass viele so empfinden und ich kann mitfühlen, weil das Leid, die Trauer um die Toten und die Zerstörung so groß sind,“ so Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Die Ministerpräsidentin erinnerte an den größten und längsten Rettungseinsatz in der deutschen Geschichte und dankte den Kräften aus ganz Deutschland und den europäischen Nachbarländern für ihren Einsatz vor einem Jahr. Ihr Dank galt auch den unzähligen Helferinnen und Helfern, die an der Seite der Dörfer und Städte entlang der Ahr gestanden hätten und weiterhin stehen. „Wir denken heute auch an die überwältigende Hilfsbereitschaft in der Katastrophe. An die vielen Einsatzkräfte von Rettungs- und Hilfsorganisationen, Feuerwehren, des Katastrophenschutzes und der Bundeswehr, die Tag und Nacht unter großer Gefahr im Einsatz waren. An die unzähligen freiwilligen Helfer und Helferinnen, die ins Tal gekommen sind, um den Menschen beizustehen. Und wir danken denjenigen Menschen, die bis heute dafür arbeiten, das Ahrtal wiederaufzubauen. In diesen Dank schließe ich auch die große Hilfe und Solidarität des Bundes mit ein, sehr geehrter Herr Bundeskanzler. Binnen weniger Wochen hat der Bund gemeinsam mit den Ländern ein historisches Wiederaufbauprogramm von 15 Milliarden Euro für Rheinland-Pfalz bereitgestellt. Heute Morgen war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Altenahr und Dernau. Auch das ist ein wichtiges Zeichen für die Solidarität beim Wiederaufbau“, so die Ministerpräsidentin. Das heutige Gedenken mache deutlich, dass das Versprechen der ersten Tage nach der Katastrophe weiter gelte: Das Ahrtal sei nicht vergessen, betonte Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte anlässlich des Gedenkens: „Die schrecklichen Bilder von der Flutkatastrophe im Ahrtal vor einem Jahr bleiben unvergessen. Den vielen helfenden Händen und für die überwältigende Solidarität danke ich ausdrücklich. Wir wollen aus dieser Katastrophe lernen, um solchen Ereignissen zukünftig besser vorzubeugen und deren Folgen wirksamer zu minimieren. Um das zu gewährleisten, arbeiten wir an einem besseren Bevölkerungsschutz: Die Bürgerinnen und Bürger müssen besser gewarnt werden können. Der Hochwasserschutz muss noch effektiver werden! Der Klimawandel bringt neue Herausforderungen mit sich, denen sich der Staat stellen wird. Heute sind meine Gedanken erstmal bei den Opfern und ihren Angehörigen sowie allen von der Flut Betroffenen.“

„Wir sind heute zusammengekommen, um gemeinsam zu trauern, um im Zusammenstehen unseren Schmerz zuzulassen und zugleich die Stärke zu fühlen, die aus diesem Zusammenhalt erwachsen kann. Denn Stärke werden wir noch sehr lange brauchen. Das gilt für die Bewältigung der Trauer, die uns nicht so schnell verlässt, das gilt aber auch für den Blick in die Zukunft“, hob Cornelia Weigand, Landrätin des Kreises Ahrweiler, hervor. „An einem Tag wie heute mag dieser Blick verdüstert sein. Zu vieles ist noch nicht aufgearbeitet, zu vieles geht nur langsam voran, zu vieles harrt der Entscheidung und der Realisierung. Die Lücken und Brachen in unserem Tal sind auch in unseren Herzen spürbar. Dort wieder Leben entstehen zu lassen, erfordert Kräfte, von denen wir jetzt kaum glauben, dass wir sie haben. Wir sind es den Opfern der Flutkatastrophe schuldig, den Blick nach vorne zu richten. Sie geben uns die Verpflichtung mit, unser Ahrtal sicherer, nachhaltiger und grüner zu gestalten. Vor dem Hintergrund der schrecklichen Erfahrung müssen wir den Aufbau entschlossener angehen – um dieser Katastrophe und vor allem ihren Opfern so etwas wie einen Sinn abzugewinnen“, so Weigand weiter.

Auch Betroffene der Flutkatastrophe brachten ihre Erinnerungen und Hoffnungen für die Zukunft zum Ausdruck. Stellvertretend sagten Ulrich und Giesela Brand aus Bad Neuenahr: „Wenn wir an die Flut denken, dann erinnern wir uns an das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Wir waren fassungslos, leer, sprachlos. Aber wir erinnern uns auch daran, dass wir uns sehr schnell entschlossen haben, uns von dieser Flut nicht unterkriegen zu lassen – auch dank der Hilfsbereitschaft so vieler Menschen. Natürlich steckt uns die Erschöpfung der letzten Monate noch in den Knochen, aber wir schauen nach vorne. Wir haben nur diesen Weg!“

„Die Menschen im Ahrtal bringen nach der Katastrophe eine beeindruckende Kraft auf, der Zerstörung jeden Tag ins Auge zu schauen und etwas Neues entgegenzusetzen. Ihre Anstrengungen zeigen ihre Heimatliebe und wie in dieser Region der soziale Zusammenhalt gelebt wird, trotz aller Widrigkeiten. Inzwischen gibt es viele, sichtbare – sie nennen es – Lichtblicke hier im Tal. Ich kann verstehen, wenn es ihnen nicht schnell genug geht und sie einfach nur wollen, dass es vorangeht“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Auch wenn es angesichts der großen Zerstörungen noch ungemein viel zu tun gebe, seien die Fortschritte beim Wiederaufbau beachtlich. Es werde jeden Tag hart daran gearbeitet, dass für alle der Wiederaufbau gut gelinge. Alle politisch Verantwortlichen spürten diese klare Verpflichtung, den Menschen eine gute Zukunft im Ahrtal zu geben. Die Verantwortung bestehe nach der verheerenden Naturkatastrophe auch darin, Katastrophenschutz und Hochwasservorsorge weiterzuentwickeln und an Naturkatastrophen anzupassen, wie wir sie bislang nicht gekannt haben, hob die Ministerpräsidentin hervor. „Gemeinsam bauen wir das Ahrtal wieder auf. Dies kann niemandem alleine gelingen. Weder dem Bund noch dem Land noch den betroffenen Kommunen, erst Recht nicht den Menschen vor Ort. Wir brauchen einander. Es geht nur gemeinsam“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

„Wir blicken fassungslos auf ein überaus herausforderndes Jahr zurück. Unfassbar ist noch immer, was heute vor 12 Monaten den Menschen, dem Tal, unserer Heimat wiederfahren ist. Die Flutkatastrophe hat unser aller Leben schlagartig verändert. Die Herausforderung, die Situation anzunehmen und gemeinsam unsere Heimat wiederaufzubauen, ist sowohl für die Bürgerinnen und Bürger als auch für die Kommunen ein täglicher Kraftakt. Im Besonderen blicken wir heute stellvertretend für die zahllosen Betroffenen dieser Katastrophe auf die 134 verstorbenen Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie die zahlreichen Menschen, die physische und psychische Verletzungen davongetragen haben. Ihrer wollen wir uns erinnern, wenn wir den Folgen der Ereignisse des letzten Julis entgegentreten und unsere Heimat wiederaufbauen. Der Wiederaufbau des Ahrtals ist eine Mammutaufgabe, die uns noch über Jahre begleiten und Kraft und Durchhaltevermögen abverlangen wird. Aber in der erfahrenen und gelebten Solidarität können und werden wir es schaffen, unser Tal wieder zu dem zu machen, was es bleibt – unsere Heimat“, so Guido Orthen, Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler.

2.000 Angehörige und Betroffene, Helferinnen und Helfer sowie Mitfühlende hatten Gelegenheit, an dem von der Kreisverwaltung Ahrweiler gemeinsam mit den vier am stärksten von der Flut betroffenen Kommunen veranstalteten Gedenken teilzunehmen. Umrahmt wurde das Programm von Künstlern und Musikern aus der Region. Wer nicht vor Ort war, konnte die Gedenkveranstaltung zu Hause im Fernsehen oder auf der Website von SWR Aktuell Rheinland-Pfalz live mitverfolgen.